Anubis - Puschkinmuseum Moskau, Foto: Kolja Kaldun
Vom Sande verschüttet .... - Geschichtliches

Geschichtlicher Hintergrund

Teil I: Der Pharao und die Priester

Das Musical spielt in der Zeit des Neuen Reiches (1536 – 1085 v.u.Z.), insbesondere während der Regierungsjahre von Amenophis IV.

Der Pharao Amenophis IV. (1361- 1340 v.u.Z.), ein schwächlicher, empfindsamer und frühreifer Junge, von seiner nachsichtigen Mutter verhätschelt, wuchs in einer genußfrohen Welt heran. Seine Umgebung bildeten prunkvolle Paläste und festliche Gärten. Die Waffen ruhten, Ägypten war eine große Weltmacht.

Amenophis war nicht schön, sein auffallend schmales, lang gezogenes Gesicht mit den eingefallenen Wangen endete in einem hängenden, vorstehenden Kinn, das Auge blickte aus engem Schlitz. Die Lippen waren breit und wulstig. Der Kopf saß auf einem dünnen Hals, der Bauch etwas aufgetrieben, Arme und Beine waren lang und dünn. Noch als unreifen Jugendlichen berief ihn der Vater (Amenophis III.) zum Mitregenten. Dem Vater jedoch fehlte die starke Hand, das Riesenreich, das sich über 18 Breitengrade erstreckte, festzuhalten. Er erschlaffte im Rausch des großen Reichtums und verlor im Streit um neue religiöse Anschauungen den Blick für die ernste Tatsachenwelt. Er sah nicht, dass Verwaltung und Wirtschaft mehr in Schwierigkeiten gerieten, er hörte nicht die Hilferufe der Städte und Hafenplätze entlang der Mittelmeerküste, weil das dringend erwartete Gold und die nötigen Truppen ausblieben, während sich der mächtigste Feind, die Hethiter, unaufhaltsam bis an die Zedernwälder des Libanon heranschoben. Als Amenophis III. starb, fiel das Zepter in die Hand eines unerfahrenen Träumers. Sein Auge schaute nur zur Sonne, sie blendete ihn für die Gebote der Zeit.

Das große Ziel Amenophis`IV. war die Abschaffung der bisherigen ägyptischen Religion mit ihrer Göttervielfalt, ihren Götter-Verkörperung in Tier und Mensch und den Zwischengestalten und ihren Kulten.

An ihrer Stelle sollte die alleinige Verehrung der Sonnenscheibe, des Aton, eingeführt werden. Dabei stieß er auf den erbitterten Widerstand der Amunspriester. Sie waren zu einer Macht aufgestiegen, mit der man rechnen musste. 

Sie beeinflusste die Königsfolge und häuften aus Schenkungen, Beuteanteil und Steuern einen ungeheuren Reichtum an. Sie erklärten Amenophis IV. offen den Kampf. Er verbot die Verehrung der vielen Götter in ihren Tempeln, entthronte den Reichsgott Amun, der die Vorväter groß gemacht hatte und Ägypten auf den Gipfel seiner Macht geführt hatte. Amun verblasste im Strahlenschimmer des neuen Gottes. Auch den eigenen Namen Amenophis (= Amun ist zufrieden) änderte der Pharao in Echnaton (= Es gefällt dem Aton). Er hatte die alten finsteren Götter gestürzt, er hatte ein Licht angezündet zu einer Zeit, als die Menschheit noch wie in einem dunklen Gefängnis von Aberglauben und Angst gehalten war. Nicht Furcht sollte den Weg zur Frömmigkeit weisen, sondern das Gefühl der Verpflichtung und Dankbarkeit. Er wollte, dass alle Menschen Anteil an dem Lichte haben, von dem alles Leben und aller Glanz kommt.

Ihm allein als dem Sohn des Aton aber, sei das Geschenk gegeben, den Gott wahrhaftig zu erkennen.

Unter den neuen Schirmherrn Aton stellte Echnaton sich und das Reich. Nicht mehr sollten ihn die Tempel von Theben an die Vergangenheit erinnern, die Amunspriester seine religiösen Ideen stören, die einem reinen Monotheismus zustrebten. So tat er den letzten folgenschweren Schritt, löste voll Geringschätzung alle Bindungen mit dem, was der bisherigen Gesellschaft gewohnt und heilig war, und gab Theben, die schöne Amunstadt, als Residenz auf. Auf halbem Wege zwischen Memphis und Theben erbaute er die neue Sonnenstadt. Sie bekam den Namen Achet-Aton (= Horizont des Aton); jetzt befindet sich dort ein bescheidenes Beduinendorf Amárna. Hier wollte der Pharao, in einsamer Verzückung ungestört seine Zwiesprache mit dem Gott weiterführen, der ihn zum Werkzeug erkoren hatte, der ganzen Menschheit die Tore zu der Licht und Leben spendenden Sonne öffnen…

Wer waren die Menschen, die um den König kreisten? In Theben und später in Achet-Aton gab es gewiss viele, die mit gleicher Hingabe wie er der neuen Gottheit huldigten. Aber es waren auch sehr viele, die vor allem die Aussicht auf Amt und Rang lockte. Denn wer sich der neuen Lehre vorbehaltlos verschrieb, könnte bis zu den höchsten Würden aufrücken. Mit solchen eigensüchtigen Naturen konnte der Pharao keinen Staat von Dauer aufrechterhalten. Fern blieben ihm alle Ernsten, Weitblickenden, die von ihrem alten Glauben nicht loskommen konnten. Grollend und rachsüchtig warteten mit vielen Enttäuschten die gefährdeten Amunspriester im Hintergrund. Die religiöse Bewegung wurde zur politischen Machtfrage. Denn mit der durch die Siege einströmenden Beute hatte sich der Tempelschatz gemehrt, und nicht wenige Hohe Priester, gestützt auf ihr wachsendes Ansehen und die Größe der Stiftungen, scheuten sich nicht davor, dem Pharaonentum einen Riegel vorzuschieben. Echnaton lebte nur der Verehrung seines Sonnengottes. Die Ausschließlichkeit, mit der er auf Kosten der alten Götter zum Götterverkünder Atons wurde, der unduldsame Bruch mit der bis dahin gelebten Geschichte des Landes reizten zu verstecktem und offenem Widerstand. Auch die führenden Männer der Verwaltung und des Heeres empfand die unnachgiebige Zerstörung des alten Glaubensgutes als eine schwere Freveltat. Echnaton fehlte zum Reformator die bezwingende Persönlichkeit, die schöpferische Kraft und endlich auch der eindrucksvolle äußere Erfolg. Der Atonglaube blieb ein schöner Gedanke eines empfindsamen Träumers und konnte keine wirkliche Religion werden.

Während sich Echnaton mit der Ausgestaltung seiner Lehre und der Verfolgung der Amunreligion beschäftigte, wurden die Grenzen des Reiches mehrfach verletzt. Er reagierte mit schwachen Gegenangriffen, er schätzte die Tragweite des Geschehens falsch ein. Seine Gemahlin Nofretete war vom Anfang an eine glühende Anhängerin des neuen Glaubens. Sie forderte sogar die Tilgung des Namen Amuns in den Gräbern. Seine Mutter riet zu Mäßigung und Umkehr, damit der Staat und die Dynastie nicht in den Abgrund geführt werden. Es kam zu einem Zerwürfnis mit Nofretete und sie verließ ihn. Daraufhin zerfiel die königliche Familie. Seinen Schwiegersohn Semenchkaré ernannte er zu seinem Mitregenten und schickte ihn zu den Amunpriestern, mit denen er verhandeln sollte.

Inzwischen verhallten die Hilferufe seiner treuen Vasallen aus den asiatischen Provinzen. Echnaton schickte keine Krieger, keine Kampfwagen. Die seinem Ruf am willfährigsten gefolgt waren, betrogen ihn nun, suchten in gerissenem Intrigenspiel nur ihren Vorteil, schmälerten durch Amtsmissbrauch und Bestechlichkeit das Ansehen des Hofes und hielten es mit den Feinden. Um Echnaton wurde es immer einsamer, nur selbstsüchtige Günstlinge, Schmeichler und fremde Söldner umgaben ihn. Nicht länger als 10 Jahre hatte die Sonne Atons über dem Reich geleuchtet. Wir wissen nichts von Echnatons Ende. Er ist der Geschichte als „Ketzerkönig“ überliefert

Autor: Dr. Eunan Tobin
Quelle: Nack, Emil, Alte Kulturen Ägypten, Ägypten und der vordere Orient im Altertum,
Verlag Carl Ueberreuter, Wien 1996

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Stand: 22.03.08

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